Kaufentscheidungen erfordern den Umgang mit Risiko. Manche Risiken sind bekannt und kalkulierbar, andere vage und unbestimmt. Rational sollte nur die Wahrscheinlichkeit zählen. Die Frage ist: Behandeln Menschen bekannte und unbekannte Risiken gleich, oder gibt es eine systematische Abneigung gegen Ungewissheit – und welche Evidenz ist dazu bekannt?
Studien
Das Ellsberg-Paradoxon in Kaufentscheidungen
Simonson und Kollegen untersuchten 2003 mit 186 Teilnehmern, wie Konsumenten auf Preisambiguität reagieren. Die Probanden wählten zwischen festen Preisen und variablen Preismodellen für identische Produkte. 72% bevorzugten den festen Preis, selbst wenn der erwartete Wert des variablen Preises nachweislich günstiger war. Der Grund: Die Ungewissheit über den tatsächlichen Preis erzeugte Unbehagen, das den potentiellen Preisvorteil überwog. Gewissheit hat einen eigenen Wert – Menschen zahlen einen Aufpreis dafür.
Versicherungen und die Ambiguitätsprämie
Weitere Studien zeigten den Effekt in der Versicherungsbranche: Kunden zahlen durchschnittlich 20-30% mehr für Produkte mit klaren, verständlichen Bedingungen als für günstigere Alternativen mit komplexen Konditionen. Selbst wenn Experten bestätigen, dass die komplexe Option objektiv besser ist, bevorzugen Laien die verständliche. Transparenz ist ein Produkt-Feature mit messbarem Wert.
Prinzip
Welches Prinzip für Customer Experience Design lässt sich daraus ableiten? Kunden sind bereit, einen erheblichen Aufpreis für Gewissheit zu zahlen, da unbekannte Risiken emotional schwerer wiegen als bekannte Verluste. Diese Ambiguity-Aversion zeigt sich besonders stark bei komplexen Produkten oder Services, wo Kunden lieber höhere, aber transparente Preise akzeptieren als günstigere Angebote mit unklaren Konditionen. Das Prinzip funktioniert jedoch nur, wenn die gebotene Sicherheit glaubwürdig kommuniziert wird und die Preisdifferenz in einem angemessenen Verhältnis zum reduzierten Unsicherheitsrisiko steht. Bei Routinekäufen oder sehr preissensitiven Zielgruppen kann der Sicherheitsaufschlag dagegen als überteuert wahrgenommen werden. Die folgenden Guidelines zeigen, wie sich dieses Prinzip konkret umsetzen lässt.
Guidelines
Festpreise statt variabler Preise
Wo immer möglich, biete feste, klare Preise statt Preisspannen oder variable Modelle. Kunden zahlen einen Aufpreis für Gewissheit. 'Ab 99€' erzeugt Unsicherheit, '99€' schafft Klarheit. Wenn Variabilität unvermeidbar ist, kommuniziere den Worst-Case. Folgende Beispiele verdeutlichen diese Guideline:
- Handwerker-Plattformen: Festpreisangebote statt Stundensätze: 'Wasserhahn-Reparatur: 89€ pauschal' statt '45-70€/h, Dauer unbekannt'.
Garantien prominent kommunizieren
Platziere Garantien, Rückgaberechte und Sicherheitsversprechen an prominenter Stelle – nicht im Kleingedruckten. Jede Garantie reduziert wahrgenommenes Risiko und damit Kaufbarrieren. '30 Tage Geld-zurück' sollte so sichtbar sein wie der Kaufen-Button. Folgende Beispiele verdeutlichen diese Guideline:
- Casper: 100 Nächte Testschlafen – und wenn es nicht passt, holen wir die Matratze kostenlos ab. Das eliminiert das Risiko eines Fehlkaufs.
Keine versteckten Kosten
Zeige den Endpreis so früh wie möglich – inklusive aller Gebühren, Steuern und Versandkosten. Überraschungen im Checkout sind der häufigste Grund für Warenkorbabbrüche. Transparenz von Anfang an baut Vertrauen auf. Folgende Beispiele verdeutlichen diese Guideline:
- Booking.com: 'Endpreis – keine versteckten Kosten' als Filter und Versprechen. Die Sicherheit, dass der angezeigte Preis der finale ist.
Simonson, I. (2003). Determinants of Customers' Responses to Customized Offers. Journal of Marketing, 67(1), 32-45