Verständnis sichern

Kaufentscheidungen scheitern an Verständnisproblemen. Experten erklären in Fachsprache, Produktbeschreibungen setzen Vorwissen voraus. Das Problem: Wer etwas weiß, kann sich nicht mehr vorstellen, es nicht zu wissen. Die Frage ist: Wie stark unterschätzen Experten die Verständnisschwierigkeiten von Laien, und wie lässt sich diese Kluft überbrücken – und welche Evidenz ist dazu bekannt?

Studien

Das Klopf-Experiment

Elizabeth Newton führte 1990 an der Stanford University ein berühmt gewordenes Experiment durch: Sie ließ Studenten bekannte Melodien wie 'Happy Birthday' oder 'Mary Had a Little Lamb' mit den Fingern auf einen Tisch klopfen, während andere zuhörten. Die Klopfer waren überzeugt: 50% der Zuhörer würden die Melodien erkennen. Das Ergebnis war ernüchternd: Nur 2,5% erkannten tatsächlich die Lieder – alle anderen hörten nur sinnloses Geklopfe. Wohlgemerkt: Die Klopfer hatten die Melodie im Kopf und konnten sich nicht vorstellen, dass andere nur Rhythmus ohne Bedeutung hörten. Wissen macht blind für Unwissenheit.

Experten unterschätzen Schwierigkeit

Pamela Hinds untersuchte 1999 einen paradoxen Effekt: Sie gab Computerprogrammierern verschiedener Erfahrungsstufen dieselbe Aufgabe – schätze, wie lange ein Anfänger für diese Programmieraufgabe brauchen würde. Das verblüffende Ergebnis: Je erfahrener der Programmierer, desto stärker unterschätzte er die benötigte Zeit. Die besten Experten lagen am weitesten daneben. Der Grund: Sie hatten vergessen, wie schwer es am Anfang war – ihre eigene mühsame Lernkurve war unsichtbar geworden. Trotzdem werden oft gerade die besten Experten als Trainer eingesetzt. Mehr Wissen macht paradoxerweise schlechtere Lehrer.

Informierte können Unwissenheit nicht simulieren

Colin Camerer, George Loewenstein und Martin Weber demonstrierten 1989 die Macht des Wissensfluchs an der Börse: Sie ließen erfahrene Händler Aktienkurse vorhersagen – einmal mit Insiderinformationen, einmal ohne. Selbst als die Händler explizit gebeten wurden, 'so zu denken wie jemand ohne diese Information', gelang es ihnen nicht. Ihre Vorhersagen blieben durch ihr Wissen verzerrt. Das Gehirn kann erworbenes Wissen nicht einfach 'ausschalten'. Wohlgemerkt: Die Händler wussten um die Verzerrung und wollten sie vermeiden. Trotzdem scheiterten sie. Wer etwas weiß, kann sich buchstäblich nicht mehr vorstellen, es nicht zu wissen.

Prinzip

Welches Prinzip für Customer Experience Design lässt sich daraus ableiten? Der Fluch des Wissens zeigt, dass Experten systematisch unterschätzen, wie schwer es für Anfänger ist, neue Informationen zu verstehen und zu verarbeiten. Dieses Phänomen ist besonders relevant für die Gestaltung von Customer Journeys, Produkterklärungen und Onboarding-Prozessen, da Unternehmen oft von innen heraus kommunizieren und dabei die tatsächlichen Verständnishürden ihrer Zielgruppe übersehen. Das Prinzip funktioniert universell bei allen Formen der Wissensvermittlung, ist jedoch besonders ausgeprägt bei komplexen Produkten oder Services, wo die Kluft zwischen Experten- und Anfängerwissen besonders groß ist. Da reine Selbstreflexion nicht ausreicht, um diese kognitive Verzerrung zu überwinden, sind strukturierte Tests mit echten Nutzern der einzige verlässliche Weg, um verständliche Customer Experiences zu schaffen. Die folgenden Guidelines zeigen, wie sich dieses Prinzip konkret umsetzen lässt.

Guidelines

Mit Outsiders testen, nicht mit Kollegen

Kollegen haben denselben Fluch wie du – sie verstehen, was du meinst, weil sie dasselbe Vorwissen haben. Teste mit Menschen, die dein Produkt nicht kennen. Ihre Verwirrung zeigt dir, wo du 'klopfst' statt zu 'singen'. Folgende Beispiele verdeutlichen diese Guideline:

  • Amazon: Jeff Bezos' 'Press Release'-Methode: Vor jeder Produktentwicklung wird eine Pressemitteilung geschrieben – für Kunden, nicht für Insider. Wenn die PR nicht für Außenstehende verständlich ist, ist das Produkt nicht reif.
  • Slack: Frühe Slack-Versionen wurden mit Nicht-Technikern getestet. Begriffe wie 'Channel' und 'Workspace' wurden solange angepasst, bis Menschen ohne Vorwissen verstanden, was gemeint war.

Einfache Sprache schreiben

Schreibe so, dass es ein Teenager versteht: kurze Sätze, bekannte Wörter, konkrete Zahlen statt Floskeln. Zeige zuerst nur das Wichtigste – Details kommen später. Jeder Fachbegriff ist verboten, es sei denn, du kannst ihn in einem einfachen Satz erklären. Folgende Beispiele verdeutlichen diese Guideline:

  • Hemingway App: Highlight komplexer Sätze und Passivkonstruktionen. Die App macht sichtbar, was Fluency reduziert.
  • Plain English Campaign: Crystal Mark für verständliche Dokumente. Unternehmen wie Barclays und BT nutzen das Siegel als Vertrauenssignal.

Newton, E. L. (1990). The rocky road from actions to intentions. Unpublished doctoral dissertation, Stanford University

Camerer, C., Loewenstein, G. & Weber, M. (1989). The curse of knowledge in economic settings: An experimental analysis. Journal of Political Economy, 97(5), 1232-1254

Hinds, P. J. (1999). The curse of expertise: The effects of expertise and debiasing methods on prediction of novice performance. Journal of Experimental Psychology: Applied, 5(2), 205-221

Heath, C. & Heath, D. (2007). Made to Stick: Why Some Ideas Survive and Others Die. New York: Random House