Kaufentscheidungen basieren auf Einschätzungen: Wie gut ist das Produkt? Wie zuverlässig der Anbieter? Diese Einschätzungen entstehen durch Beispiele, die uns einfallen. Die Frage ist: Beeinflusst die Leichtigkeit, mit der Beispiele einfallen, das Urteil – unabhängig vom Inhalt der Beispiele – und welche Evidenz ist dazu bekannt?
Studien
Weniger Beispiele = mehr Selbstbewusstsein
Norbert Schwarz und sein Team führten 1991 ein wegweisendes Experiment zur Verfügbarkeitsheuristik durch. Sie teilten 48 Studierende zufällig in zwei Gruppen: Die eine sollte 6 Beispiele für selbstbewusstes Verhalten aus ihrem Leben nennen, die andere 12 Beispiele. Anschließend bewerteten alle ihr eigenes Selbstbewusstsein. Das verblüffende Ergebnis: Die 6-Beispiele-Gruppe schätzte sich als deutlich selbstbewusster ein als die 12-Beispiele-Gruppe. Der Grund: Wer nur 6 Beispiele brauchte, fand diese mühelos und interpretierte diese Leichtigkeit als Beweis für hohes Selbstbewusstsein. Die Schwierigkeit beim Abrufen wurde wichtiger als der Inhalt der Erinnerungen.
Viele Argumente schaden der Produktbewertung
In einer zweiten Bedingung derselben Studie von Schwarz et al. (1991) sollten BMW-Besitzer entweder 6 oder 12 Vorteile ihres Wagens aufzählen. Paradoxes Ergebnis: Die Gruppe mit 12 Vorteilen bewertete ihr Auto anschließend schlechter – obwohl sie objektiv mehr Positives genannt hatte. Wohlgemerkt: Bei Vorteil 10, 11 und 12 mussten sich die Teilnehmer abstrampeln. Diese Abruf-Schwierigkeit wurde unbewusst als metakognitive Information gedeutet: 'Wenn mir kaum Vorteile einfallen, kann mein Auto nicht so toll sein.' Die empfundene Mühe überschattete den tatsächlichen Inhalt.
Viele Risikofaktoren senken gefühltes Risiko
Alexander Rothman und Norbert Schwarz (1998) untersuchten diesen Effekt bei Gesundheitsrisiken. Sie baten Probanden, entweder 3 oder 8 Risikofaktoren für Herzerkrankungen aus ihrem Gedächtnis aufzulisten. Das kontraintuitive Ergebnis: Wer 8 Faktoren nennen musste, schätzte sein persönliches Herzinfarkt-Risiko als niedriger ein. Die Teilnehmer interpretierten die Schwierigkeit beim Erinnern als Signal: 'Wenn mir kaum Risiken einfallen, kann die Gefahr nicht so groß sein.' Dieser Befund zeigt: Zu viele Warnungen in Gesundheitskampagnen können nach hinten losgehen.
Prinzip
Welches Prinzip für Customer Experience Design lässt sich daraus ableiten? Das Prinzip der Abruf-Leichtigkeit besagt, dass Kunden Informationen, Marken oder Erfahrungen, die mühelos in ihr Bewusstsein gelangen, automatisch als vertrauenswürdiger, wichtiger und qualitativ hochwertiger bewerten. Diese mentale Abkürzung funktioniert besonders stark in Situationen mit hoher kognitiver Belastung oder Zeitdruck, wenn Kunden schnelle Entscheidungen treffen müssen. Allerdings kann der Effekt ins Gegenteil umschlagen, wenn Kunden bewusst wird, dass externe Faktoren die Abruf-Leichtigkeit beeinflussen – etwa durch offensichtliche Wiederholungen oder manipulative Techniken. Für erfolgreiches Customer Experience Design bedeutet dies, dass jede Interaktion darauf ausgerichtet sein sollte, positive Erinnerungen und Assoziationen möglichst zugänglich zu machen, ohne dabei aufdringlich zu wirken. Die folgenden Guidelines zeigen, wie sich dieses Prinzip konkret umsetzen lässt.
Guidelines
Wenige Gründe statt vieler
Fordere wenige, einfache Antworten statt viele komplexe. Die Leichtigkeit beim Antworten erzeugt positive Bewertungen, während erlebte Schwierigkeit Zweifel und negative Einschätzungen zur Folge hat. Die mentale Anstrengung überträgt sich direkt auf die Bewertung deines Produkts oder Unternehmens. Folgende Beispiele verdeutlichen diese Guideline:
- Testimonial-Requests: 'Nenne einen Grund, warum du uns empfehlen würdest' erzeugt bessere Bewertungen als 'Nenne fünf Gründe'. Die Leichtigkeit des einen Grundes überträgt sich auf die Gesamtbewertung.
- Feature-Listen: Statt 20 Features aufzulisten, zeige die drei wichtigsten prominent. Die Leichtigkeit, drei zu erfassen, signalisiert: 'Das ist überschaubar und gut.'
Bewusst einen Höhepunkt gestalten
Statt alle Touchpoints gleichmäßig zu optimieren, schaffe einen herausragenden Moment – idealerweise beim ersten Kontakt. Dieser intensive, positive Peak-Moment wird leicht erinnert und überstrahlt alle anderen Erfahrungen. Wenige unvergessliche Höhepunkte sind wertvoller als viele mittelmäßige Berührungspunkte. Folgende Beispiele verdeutlichen diese Guideline:
- Disney World: Mickey Mouse steht am Ausgang und verabschiedet die Kinder persönlich. Der letzte Moment wird zum magischen Höhepunkt – und prägt die gesamte Erinnerung an den Besuch.
- Ritz-Carlton: Mitarbeiter sind ermächtigt, bis zu 2.000 Dollar pro Gast auszugeben, um 'Wow-Momente' zu schaffen. Ein einziger herausragender Moment überstrahlt durchschnittliche Erlebnisse.
Schwarz, N., Bless, H., Strack, F., Klumpp, G., Rittenauer-Schatka, H. & Simons, A. (1991). Ease of retrieval as information: Another look at the availability heuristic. Journal of Personality and Social Psychology, 61(2), 195-202
Wänke, M., Schwarz, N. & Bless, H. (1995). The availability heuristic revisited: Experienced ease of retrieval in mundane frequency estimates. Acta Psychologica, 89(1), 83-90
Rothman, A. J. & Schwarz, N. (1998). Constructing perceptions of vulnerability: Personal relevance and the use of experiential information in health judgments. Personality and Social Psychology Bulletin, 24(10), 1053-1064