Menschen setzen sich Ziele und verfolgen sie – oder eben nicht. Die Intuition sagt: Wer etwas will, handelt danach. Doch in der Praxis scheitern viele Vorhaben: Kunden schließen Registrierungen nicht ab, beginnen Trainings und brechen ab, kaufen Produkte und nutzen sie nie. Die Frage ist: Was bestimmt, ob Menschen tatsächlich handeln oder nur vorhaben zu handeln – und welche Evidenz ist dazu bekannt?
Studien
Das Ringwurf-Experiment
John Atkinson führte 1957 an der University of Michigan ein elegantes Experiment zur Leistungsmotivation durch. 84 Studenten sollten Ringe über einen Pflock werfen – aus selbstgewählter Entfernung. Die Forscher teilten sie in zwei Gruppen: Personen mit hoher vs. niedriger Leistungsmotivation. Das verblüffende Ergebnis: Hochmotivierte wählten mittlere Distanzen – herausfordernd, aber machbar. Niedrigmotivierte wählten entweder sehr nahe Distanzen (garantierter Erfolg, aber bedeutungslos) oder sehr weite (unmöglich, aber Scheitern ist keine Schande). Die mittlere Gruppe zeigte 60% mehr Ausdauer bei moderaten Schwierigkeiten. Das Experiment bewies: Motivation ist maximal, wenn Erfolgserwartung und Herausforderung ausbalanciert sind.
Mathematikleistung und Wertüberzeugungen
Allan Wigfield und Jacquelynne Eccles führten 1992 an der University of Michigan eine Längsschnittstudie mit 865 Schülern durch. Sie erfassten über drei Jahre (7.-12. Klasse) sowohl die Erfolgserwartung ('Wie gut bin ich in Mathe?') als auch den subjektiven Wert ('Wie wichtig ist mir Mathe?'). Das zentrale Ergebnis: Beide Faktoren sagten unabhängig Leistung und Kurswahl vorher, aber auf unterschiedliche Weise. Erfolgserwartung korrelierte mit Noten (r=0.48), subjektiver Wert mit der Entscheidung, fortgeschrittene Kurse zu belegen (r=0.52). Besonders aufschlussreich: Schüler mit hohem Wert aber niedriger Erfolgserwartung zeigten Vermeidungsverhalten – sie mochten Mathe, wählten es aber nicht. Die Studie demonstrierte: Beide Komponenten müssen adressiert werden, und sie wirken auf verschiedene Aspekte der Motivation.
Prinzip
Welches Prinzip für Customer Experience Design lässt sich daraus ableiten? Die Expectancy-Value-Theorie zeigt, dass erfolgreiche Customer Experience beide Motivationshebel gleichzeitig bedienen muss: Kunden müssen sowohl glauben, dass sie ihr Ziel erreichen können, als auch einen hohen persönlichen Wert in diesem Ziel sehen. Da sich beide Faktoren multiplizieren, führt die Vernachlässigung eines Aspekts unweigerlich zum Motivationsverlust – selbst das attraktivste Angebot scheitert, wenn Kunden Zweifel an der Umsetzbarkeit haben, während die einfachste Lösung wirkungslos bleibt, wenn der Nutzen nicht erkennbar ist. Besonders kritisch wird dies bei komplexen Produkten oder langfristigen Zielen, wo sowohl die Erfolgswahrscheinlichkeit als auch der wahrgenommene Wert durch geschickte Kommunikation und Prozessgestaltung gestärkt werden müssen. Die folgenden Guidelines zeigen, wie sich dieses Prinzip konkret umsetzen lässt.
Guidelines
Frühe Erfolgserlebnisse garantieren
Gestalte den Einstieg so, dass erste Erfolge schnell und sicher eintreten. Bei Onboarding: Zeige nach jedem kleinen Schritt Fortschritt. Bei Produkten: Liefere sofort nutzbares Ergebnis, bevor Komplexität steigt. Bei Trainings: Starte mit machbaren Aufgaben, steigere schrittweise. Frühe Erfolge erhöhen die Erfolgserwartung für kommende Herausforderungen und schaffen Momentum.
Subjektiven Wert individuell adressieren
Kommuniziere nicht nur Features, sondern persönliche Bedeutung. Frage explizit nach Zielen und spiegle sie zurück. Bei Software: 'Dieses Feature spart dir 2h/Woche für X'. Bei Gesundheit: 'Damit erreichst du dein Ziel Y'. Bei Finanzen: 'Das bringt dich deinem Ziel Z näher'. Menschen haben unterschiedliche Werttreiber – manche wollen Status, andere Sicherheit, wieder andere Autonomie. Segmentiere nach Wertorientierung.
Erfolgserwartung und Wert separat messen
Erfasse beide Dimensionen getrennt: 'Glauben Sie, dass Sie es schaffen können?' und 'Ist Ihnen das Ergebnis wichtig?'. Bei niedrigem Wert: Zeige Relevanz, verbinde mit bestehenden Zielen. Bei niedriger Erfolgserwartung: Reduziere Komplexität, zeige soziale Beweise, biete Hilfe an. Die typische Kundenbefragung 'Wie wahrscheinlich würden Sie X tun?' vermischt beide Faktoren und verdeckt das eigentliche Problem.
Adaptive Herausforderung anbieten
Passe die Schwierigkeit an die wachsende Kompetenz an. Zu leicht wird langweilig, zu schwer frustriert. Nutze adaptive Systeme, die Erfolgsrate monitoren: Bei >80% Erfolg erhöhe Anforderungen, bei <50% reduziere Komplexität. Gib dem Nutzer Kontrolle über Schwierigkeitsgrad. Kommuniziere Progression: 'Du hast Level 1 gemeistert, Level 2 ist etwas anspruchsvoller.' Optimale Motivation entsteht bei 50-70% subjektiver Erfolgswahrscheinlichkeit.
Durik et al. (2015). Beyond success: The potential of imbuing memories with task value.. Journal of Applied Research in Memory and Cognition