Verhalten verstärken

Kundenbindung setzt auf Regeln. Wer sich nicht daran hält, wird bestraft – Mahngebühren, Strafzinsen, Vertragsstrafen. Die Annahme: Strafen verhindern unerwünschtes Verhalten. Doch manchmal bewirken sie das Gegenteil. Die Frage ist: Unter welchen Bedingungen reduzieren Strafen unerwünschtes Verhalten und wann fördern sie es paradoxerweise – und welche Evidenz ist dazu bekannt?

Studien

Das Kindertagesstätten-Experiment

Uri Gneezy und Aldo Rustichini führten 2000 eines der berühmtesten Experimente der Verhaltensökonomie durch. Sie beobachteten 10 israelische Kindertagesstätten über 20 Wochen und dokumentierten zunächst 8 Verspätungen pro Woche. Dann führten sie eine Strafe von 10 Schekel (etwa 3 Dollar) pro Verspätung ein. Das Ergebnis war verblüffend: Die Verspätungen verdoppelten sich auf 16 pro Woche. Die Eltern interpretierten die Strafe als Preis für einen Service. Aus der sozialen Verpflichtung 'Ich sollte pünktlich sein' wurde die Kaufentscheidung 'Ich zahle für 30 Minuten Extra-Arbeitszeit'.

Von sozialer Norm zu Markttransaktion

Vor der Strafe empfanden Eltern Verspätung als moralisches Versagen – sie schämten sich, die Erzieherinnen warten zu lassen. Die 10-Schekel-Strafe veränderte diesen Frame komplett: Verspätung wurde zu einer legitimen Option mit transparentem Preis. Plötzlich kalkulierten Eltern rational: 'Ist mir die Extra-Zeit 3 Dollar wert?' Die Antwort war meist: Ja. Wohlgemerkt: Sobald Geld ins Spiel kommt, denken Menschen in Markt- statt Sozial-Kategorien – selbst bei symbolischen Beträgen. Die soziale Verpflichtung war durch eine Geschäftstransaktion ersetzt worden.

Der dauerhafte Schaden

Nach 16 Wochen schafften Gneezy und Rustichini die Strafe wieder ab. Logisch wäre gewesen: Rückkehr zu den ursprünglich 8 Verspätungen pro Woche. Tatsächlich passierte etwas Erschreckendes: Die Verspätungen blieben bei 15 pro Woche – fast doppelt so hoch wie vor dem Experiment. Die soziale Norm war irreversibel zerstört. Einmal als 'Markt' geframt, blieb Verspätung eine normale Option – auch ohne Preis. Man kann eine soziale Norm durch Geld kaputt machen, aber nicht durch Geld-Entfernung reparieren. Der Schaden war dauerhaft.

Prinzip

Welches Prinzip für Customer Experience Design lässt sich daraus ableiten? Wenn eine moralische oder soziale Norm funktioniert, kann eine kleine Geldstrafe sie zerstören, indem sie die Beziehung zwischen Unternehmen und Kunden vom sozialen in den Marktmodus verschiebt. Sobald Kunden ein Verhalten als käufliche Option wahrnehmen, verliert es seinen moralischen Charakter und wird zu einer rationalen Kosten-Nutzen-Entscheidung. Besonders problematisch wird dies, wenn die Strafe zu niedrig angesetzt ist, da sie dann signalisiert, dass das unerwünschte Verhalten nicht besonders schwerwiegend ist. Dieses Prinzip funktioniert vor allem in Bereichen, wo bereits starke soziale Normen existieren – etwa bei Umweltschutz, Fairness oder Gemeinschaftsgefühl. Die folgenden Guidelines zeigen, wie sich dieses Prinzip konkret umsetzen lässt.

Guidelines

Keine kleinen Strafgebühren einführen

Bevor du eine Strafgebühr einführst, prüfe: Funktioniert bereits eine soziale Norm? Kleine Gebühren zerstören oft soziales Verantwortungsgefühl, ohne das Verhalten zu ändern. Nutze lieber soziales Framing ('Andere Kunden warten') oder setze Gebühren hoch genug, dass sie wirklich abschrecken. Folgende Beispiele verdeutlichen diese Guideline:

  • Bibliotheken: Viele Bibliotheken haben Verspätungsgebühren abgeschafft. Die Rückgabequoten blieben gleich oder verbesserten sich – die soziale Norm ('Bücher gehören zurückgegeben') funktionierte besser ohne die Marktlogik der Gebühr.
  • Netflix: Netflix eliminierte Verspätungsgebühren, die bei Videotheken üblich waren. Das signalisierte: 'Wir sind keine Transaktionsbeziehung, sondern ein Service.' Die Kundenzufriedenheit stieg.

Gneezy, U. & Rustichini, A. (2000). A fine is a price. Journal of Legal Studies, 29(1), 1-17

Ariely, D. (2008). Predictably Irrational: The Hidden Forces That Shape Our Decisions. New York: HarperCollins (Chapter on Social vs. Market Norms)

Frey, B. S. & Jegen, R. (2001). Motivation crowding theory. Journal of Economic Surveys, 15(5), 589-611