Vertrauen hängt davon ab, wie wir Verhalten interpretieren. Ein Fehler des Anbieters – Inkompetenz? Ein eigener Fehler – Pech gehabt? Menschen erklären das Verhalten anderer oft anders als ihr eigenes. Die Frage ist: Gibt es einen systematischen Unterschied in der Zuschreibung von Ursachen, und wie beeinflusst das Kundenbeziehungen – und welche Evidenz ist dazu bekannt?
Studien
Die systematische Unterschätzung des Kontexts
Nisbett und Ross dokumentierten 1991 in ihrer umfassenden Analyse, dass Menschen den Einfluss situativer Faktoren auf Verhalten um bis zu 400% unterschätzen. In klassischen Studien wurde gezeigt: Beobachter schließen von einzelnen Verhaltensweisen auf stabile Persönlichkeitseigenschaften – auch wenn das Verhalten offensichtlich durch die Situation erzwungen wurde. Ein unfreundlicher Servicemitarbeiter wird als 'unfreundlicher Mensch' wahrgenommen, nicht als 'Mensch in einer stressigen Situation'.
Der Attributionsfehler im Kundenservice
Im Kundenservice-Kontext zeigt sich der Effekt besonders stark: Kunden attribuieren negative Erfahrungen auf das Unternehmen als Ganzes, nicht auf situative Faktoren wie Unterbesetzung oder technische Probleme. Umgekehrt gilt: Positive Erfahrungen werden oft der Person zugeschrieben, nicht dem System. Für Unternehmen bedeutet das: Bei Problemen den Kontext erklären ('Heute ist unser verkehrsreichster Tag') kann die Attribution verschieben.
Prinzip
Welches Prinzip für Customer Experience Design lässt sich daraus ableiten? Der fundamentale Attributionsfehler zeigt, dass Kundenfeedback häufig die unmittelbare Situation widerspiegelt, in der es entstanden ist, und nicht zwangsläufig eine objektive Bewertung des Produkts oder Services darstellt. Unternehmen sollten daher bei der Interpretation von Bewertungen und Beschwerden systematisch den situativen Kontext berücksichtigen – etwa Stress, Zeitdruck oder vorherige negative Erfahrungen des Kunden. Besonders bei negativem Feedback ist es entscheidend zu verstehen, ob die Kritik tatsächlich produktbezogen ist oder durch äußere Umstände verstärkt wurde. Gleichzeitig können Unternehmen dieses Wissen nutzen, um gezielt positive Situationen zu schaffen, in denen Kunden eher geneigt sind, wohlwollende Bewertungen abzugeben. Die folgenden Guidelines zeigen, wie sich dieses Prinzip konkret umsetzen lässt.
Guidelines
Kontext bei Bewertungen erfassen
Frage bei Feedback-Erhebungen auch nach dem Kontext: Wann fand die Interaktion statt? Wie war die Stimmung? Gab es besondere Umstände? Eine 2-Sterne-Bewertung am Black Friday hat andere Ursachen als eine im ruhigen Januar. Folgende Beispiele verdeutlichen diese Guideline:
- Uber: Nach niedrigen Bewertungen fragt Uber nach dem Grund – Wartezeit, Fahrstil, Sauberkeit? Das trennt situative von systematischen Problemen.
Situative Faktoren in Feedback-Analyse
Analysiere Feedback im Kontext von Tageszeit, Saison, aktuellen Ereignissen und Kundenhistorie. Schlechtes Feedback während eines System-Ausfalls reflektiert die Situation, nicht das Produkt. Trenne systematische Probleme von situativen Frustrationen. Folgende Beispiele verdeutlichen diese Guideline:
- Analyse-Teams: Feedback-Dashboards mit Kontext-Layer: 'Diese Bewertungen fielen in den Zeitraum des Server-Problems' als automatische Annotation.
Nisbett, R. E. & Ross, L. (1991). The Person and the Situation: Perspectives of Social Psychology. New York: McGraw-Hill