Probleme erfordern kreative Lösungen. Mehr Erfahrung und Expertise sollten die Problemlösefähigkeit steigern – so die intuitive Annahme. Doch Designer berichten, dass Routinen Innovation blockieren, dass bewährte Werkzeuge neue Anwendungen verhindern, dass Experten manchmal weniger kreativ sind als Neulinge. Die Frage ist: Wann wird Erfahrung zum Hindernis für Innovation, welche mentalen Blockaden entstehen durch vertraute Nutzung – und welche Evidenz ist dazu bekannt?
Studien
Das Kerzen-Problem
Karl Duncker führte 1945 an der University of Berlin eines der elegantesten Experimente zur funktionalen Fixierung durch. 40 Versuchspersonen bekamen eine Kerze, eine Schachtel Reißzwecken und Streichhölzer. Die Aufgabe: Die Kerze so an einer Korkwand befestigen, dass kein Wachs auf den Boden tropft. Die Lösung erfordert, die Schachtel nicht als Behälter, sondern als Plattform zu nutzen – sie mit Reißzwecken an die Wand heften und die Kerze darauf stellen. In der ersten Bedingung waren die Reißzwecken IN der Schachtel – nur 41% lösten das Problem. In der zweiten Bedingung lagen die Reißzwecken NEBEN der leeren Schachtel – plötzlich lösten 86% das Problem. Das Verblüffende: Die bloße Tatsache, dass die Schachtel als Behälter genutzt wurde, blockierte die Wahrnehmung ihrer alternativen Funktion als Plattform.
Das Zwei-Schnüre-Problem
Robert Adamson testete 1952 an der University of Michigan, wie frühere Nutzung spätere Kreativität blockiert. 60 Studenten sollten zwei von der Decke hängende Schnüre zusammenknoten – aber sie waren so weit auseinander, dass man nicht beide gleichzeitig erreichen konnte. Die Lösung: Ein schweres Objekt als Pendel an eine Schnur binden, diese anschwingen und dann die andere Schnur greifen. Adamson gab allen eine Zange. Die Hälfte nutzte sie vorher 5 Minuten lang für normale Zangen-Aufgaben (Drähte schneiden, Schrauben festziehen). Die andere Hälfte sah die Zange nur. Das Ergebnis war dramatisch: Von denen ohne Vorerfahrung lösten 67% das Problem – sie nutzten die Zange als Pendelgewicht. Von denen mit Vorerfahrung schafften es nur 39%. Die 5 Minuten gewohnte Nutzung reduzierten die Wahrscheinlichkeit einer kreativen Lösung um fast die Hälfte.
Prinzip
Welches Prinzip für Customer Experience Design lässt sich daraus ableiten? Die Funktionale Fixierung zeigt, dass Kunden oft nur die naheliegendste Verwendung eines Produkts oder Services erkennen und dadurch wertvolle Zusatznutzen übersehen. Unternehmen müssen daher aktiv alternative Anwendungsmöglichkeiten kommunizieren und demonstrieren, um das volle Potenzial ihrer Angebote zu erschließen. Besonders effektiv ist dies bei etablierten Produkten, die Kunden bereits kennen, sowie in Situationen, wo neue Bedürfnisse entstehen oder sich Lebensumstände ändern. Allerdings sollten alternative Nutzungen authentisch und relevant sein – zu weit hergeholte Anwendungen wirken unglaubwürdig und können Verwirrung stiften. Die folgenden Guidelines zeigen, wie sich dieses Prinzip konkret umsetzen lässt.
Guidelines
Alternative Anwendungen explizit zeigen
Produkte werden nur in ihrer primären Funktion wahrgenommen. Zeige deshalb aktiv weitere Anwendungsfälle – durch Beispielbilder, Anwendungsvideos oder Kundenstimmen. Ein CRM-System wird als 'Vertriebstool' fixiert – zeige explizit die Nutzung für Customer Success, Marketing, Support. Ein Lastenrad wird als 'Kindertransport' fixiert – zeige Handwerker, Lieferdienste, mobile Verkaufsstände. Kunden entdecken alternative Nutzungen nicht selbst.
Produktkategorien aktiv aufbrechen
Die Kategorisierung fixiert die wahrgenommene Funktion. Ein 'Projektmanagement-Tool' aktiviert automatisch das Schema 'für Projekte'. Nutze stattdessen funktionale oder benefit-orientierte Kategorisierungen: 'Zusammenarbeit strukturieren', 'Termine koordinieren', 'Wissen zentral sammeln'. Ein 'Fitness-Tracker' wird auf Sport fixiert – repositioniere als 'Gesundheitscoach' und erschließe Zielgruppen mit chronischen Erkrankungen. Die sprachliche Rahmung bestimmt, welche mentalen Modelle aktiviert werden.
Cross-Industry-Inspirationen zeigen
Funktionale Fixierung entsteht durch branchenspezifische Nutzungskonventionen. Durchbreche diese, indem du zeigst, wie andere Branchen dasselbe Problem lösen. Eine Versicherung kann von Hospitality lernen (Onboarding als Check-in-Erlebnis). Ein B2B-SaaS-Tool kann von Gaming lernen (Gamification für Nutzeraktivierung). Konkret: Erstelle 'Inspiration Showcases', die bewusst branchenfremde Erfolgsbeispiele zeigen. Das Signal: 'Es gibt mehr Möglichkeiten als die offensichtliche Standardlösung.'
Use-Case-Workshops statt Feature-Demos
Klassische Produktdemos verstärken funktionale Fixierung – sie zeigen Features in ihrer Standardanwendung. Ersetze Demos durch moderierte Use-Case-Workshops: Kunden beschreiben ihre spezifischen Probleme, der Facilitator zeigt unkonventionelle Lösungswege mit dem Produkt. Ein CMS wird als 'Website-Tool' fixiert – im Workshop entdecken Kunden die Nutzung für interne Wissensdatenbanken, Onboarding-Journeys, Kundenportale. Diese aktive Problemlösung überwindet mentale Blockaden effektiver als passive Demonstration.
Duncker, K. (1945). On problem-solving (Psychological Monographs, 58, No. 270). Psychological Monographs, 58(5), i-113
Adamson, R. E. (1952). Functional fixedness as related to problem solving: A repetition of three experiments. Journal of Experimental Psychology, 44(4), 288-291