Entscheidungen vereinfachen

Entscheidungen für die Zukunft fallen schwer. Sparen statt konsumieren, Vorsorge statt Genuss, langfristiger Nutzen statt sofortiger Belohnung. Das zukünftige Selbst fühlt sich wie ein Fremder an. Die Frage ist: Wie lässt sich die psychologische Distanz zur eigenen Zukunft verringern, und beeinflusst das die Entscheidungen von heute – und welche Evidenz ist dazu bekannt?

Studien

Das gealterte Avatar-Experiment

Hal Hershfield und sein Team an der Stanford University führten 2011 ein bahnbrechendes Virtual-Reality-Experiment durch. 50 Studierende interagierten mit digitalen Avatars – die eine Hälfte sah dabei ihr eigenes Gesicht im Alter von 70 Jahren, die andere ihr aktuelles Gesicht. Anschließend sollten alle eine reale Entscheidung treffen: 1.000 Dollar sofort kassieren oder einen Teil für die Rente zurücklegen? Die Gruppe mit dem gealterten Avatar legte doppelt so viel Geld zurück (172 vs. 80 Dollar). Wohlgemerkt: Nur 5 Minuten mit dem 'Future Self' veränderten echte Finanzentscheidungen messbar.

Das Gehirn-Scan-Experiment

Ersner-Hershfield, Wimmer und Knutson legten 2009 28 Probanden in einen fMRI-Scanner und zeigten ihnen drei Wortlisten: Eigenschaften, die sie selbst beschreiben, die ihr zukünftiges Selbst in 10 Jahren beschreiben, und die einen völlig Fremden beschreiben. Das verblüffende Ergebnis: Beim Denken an das zukünftige Selbst leuchteten dieselben Hirnregionen auf wie beim Fremden, nicht wie beim gegenwärtigen Selbst. Der einzige Unterschied: 10 Jahre Zeit. Trotzdem behandelte das Gehirn das Future Self wie einen Unbekannten. Je größer dieser neuronale Unterschied, desto stärker bevorzugten Teilnehmer sofortige Belohnungen.

Feldexperiment mit Berufstätigen

Hershfield testete 2011 seine Theorie mit 245 Berufstätigen zwischen 23 und 72 Jahren im echten Leben. Alle sollten sich ihr Leben im Ruhestand vorstellen und aufschreiben. Eine Gruppe sollte dabei konkrete Details visualisieren: Wo wohne ich? Was mache ich täglich? Wie sieht mein Alltag aus? Die Kontrollgruppe dachte nur allgemein über Rente nach. Drei Monate später das Ergebnis: Die Visualisierungs-Gruppe hatte ihre tatsächlichen Rentenbeiträge um 2,3% erhöht, die Kontrollgruppe um nur 0,4%. Die emotionale Verbindung zum Future Self wurde zu echtem Sparverhalten.

Prinzip

Welches Prinzip für Customer Experience Design lässt sich daraus ableiten? Die Visualisierung zukünftiger Konsequenzen verbessert langfristige Entscheidungen, indem sie die psychologische Distanz zwischen dem heutigen und dem zukünftigen Selbst verringert. Wenn Kunden ihr zukünftiges Ich konkret vor Augen haben – sei es durch gealterte Fotos, Simulationen oder emotionale Szenarien – werden abstrakte Zukunftsvorstellungen zu greifbaren Realitäten, die echte Handlungsmotivation auslösen. Dieser Effekt funktioniert besonders gut bei Produkten und Services mit langfristigem Nutzen wie Versicherungen, Altersvorsorge oder Gesundheitsprogrammen, verliert jedoch an Wirkung, wenn die Visualisierung zu dramatisch oder unrealistisch erscheint. Die folgenden Guidelines zeigen, wie sich dieses Prinzip konkret umsetzen lässt.

Guidelines

Zukunftsszenarien konkret zeigen

Erstelle personalisierte Zukunftsszenarien basierend auf Kundendaten und visualisiere konkrete Auswirkungen: 'Bei deinem aktuellen Verhalten sieht dein Ruhestand so aus – bei dieser Alternative so.' Übersetze langfristige Vorteile in sofortige emotionale Benefits. Folgende Beispiele verdeutlichen diese Guideline:

  • Prudential: Die 'Bring Your Challenges'-Kampagne zeigt reale Menschen in zukünftigen Lebenssituationen – Ruhestand, Kinder-Studium, Pflege. Die Botschaft ist nicht 'Spare mehr', sondern 'Schau, wer du sein wirst'.
  • Bank of America: Der 'Face Retirement'-Rechner ermöglichte Nutzern, ihr eigenes Gesicht zu altern und gleichzeitig ihre Sparsituation zu projizieren. Die emotionale Verbindung zum gealterten Selbst erhöhte Sparabsichten.

Brief vom zukünftigen Selbst

Lass Kunden einen Brief an ihr zukünftiges Selbst schreiben – oder von ihrem zukünftigen Selbst empfangen. Diese Übung erhöht Future Self-Continuity und motiviert zu langfristigen Entscheidungen. Besonders wirksam bei Versicherungen, Sparplänen, Gesundheit und Bildung. Folgende Beispiele verdeutlichen diese Guideline:

  • FutureMe: Der Dienst ermöglicht, E-Mails an das zukünftige Selbst zu schreiben. Finanzdienstleister können diese Mechanik nutzen: 'Schreibe dir selbst, warum du heute anfängst zu sparen.'
  • Consumer Financial Protection Bureau: Das 'Future Self Tool' enthält die Übung 'Brief von deinem zukünftigen Selbst' – ein 68-jähriges Ich schreibt dem heutigen Ich und bedankt sich für kluge Entscheidungen.

Hershfield, H. E., Goldstein, D. G., Sharpe, W. F., Fox, J., Yeykelis, L., Carstensen, L. L. & Bailenson, J. N. (2011). Increasing saving behavior through age-progressed renderings of the future self. Journal of Marketing Research, 48(SPL), S23-S37

Hershfield, H. E. (2011). Future self-continuity: How conceptions of the future self transform intertemporal choice. Annals of the New York Academy of Sciences, 1235(1), 30-43

Ersner-Hershfield, H., Wimmer, G. E. & Knutson, B. (2009). Saving for the future self: Neural measures of future self-continuity predict temporal discounting. Social Cognitive and Affective Neuroscience, 4(1), 85-92