Wert erlebbar machen

Produkte werden gekauft, um benutzt zu werden. Mehr Funktionen sollten mehr Wert bedeuten – so die Logik der Feature-Listen. Doch Kunden zahlen für Features, die sie nie nutzen, und sind trotzdem unzufrieden. Die Frage ist: Warum divergieren Kaufentscheidung und Nutzungsrealität so stark, welche psychologischen Mechanismen treiben diese Kluft – und welche Evidenz ist dazu bekannt?

Studien

Das MP3-Player-Experiment

Evan Polman und Sam Maglio führten 2017 an der University of Wisconsin eine Studie durch, die den Having-Vs-Using-Effekt erstmals systematisch nachwies. 145 Studenten sollten zwischen zwei MP3-Playern wählen: Modell A hatte 17 Features und mittlere Benutzerfreundlichkeit, Modell B nur 7 Features aber exzellente Bedienung. Die Hälfte der Teilnehmer wurde gefragt, welchen Player sie kaufen würden ('having frame'). Die andere Hälfte wurde gefragt, welchen sie benutzen würden ('using frame'). Das verblüffende Ergebnis: In der Kauf-Perspektive wählten 69% das Feature-reiche Modell A. In der Nutzungs-Perspektive drehte sich die Präferenz um: 63% wählten das einfache Modell B. Dieselben Personen, dieselben Produkte – aber eine andere Frage veränderte die Wahl fundamental.

Die Urlaubsplanungs-Studie

In einer Folgestudie 2020 testeten Polman und Maglio den Effekt mit 312 Teilnehmern bei Urlaubsentscheidungen. Die Probanden sollten zwischen zwei Hotels wählen: Hotel X bot umfangreiche Annehmlichkeiten (Spa, drei Restaurants, Fitnesscenter, Concierge), aber durchschnittliche Zimmer. Hotel Y hatte weniger Services, aber außergewöhnlich komfortable Zimmer und ruhige Lage. Wieder variierten die Forscher nur die Framing-Frage: 'Welches Hotel würden Sie buchen?' versus 'Welches Hotel würden Sie für Ihren Aufenthalt bevorzugen?'. Bei der Buchungs-Frage wählten 71% das Service-reiche Hotel X. Bei der Aufenthalts-Frage bevorzugten 58% das komfortable Hotel Y. Die Teilnehmer wurden eine Woche später erneut befragt: Jene, die in der Buchungs-Perspektive gewählt hatten, bereuten ihre Entscheidung doppelt so häufig wie jene aus der Aufenthalts-Perspektive.

Prinzip

Welches Prinzip für Customer Experience Design lässt sich daraus ableiten? Das zentrale Prinzip lautet: Verkaufe für die Nutzung, nicht für den Besitz – Wert entsteht durch tatsächliche Verwendung, nicht durch Funktionsumfang. Unternehmen sollten ihre Kommunikation und Produktpräsentation darauf ausrichten, wie sich das Produkt im Alltag anfühlt und verwendet wird, anstatt primär auf die Anzahl verfügbarer Features zu setzen. Dies ist besonders relevant bei komplexen Produkten oder Services, wo die Kluft zwischen Kauferwartung und Nutzungserfahrung groß ist – etwa bei Software, technischen Geräten oder digitalen Plattformen. Bei einfachen Produkten mit wenigen Funktionen ist dieser Effekt weniger ausgeprägt, da Besitz- und Nutzungsperspektive näher beieinander liegen. Die folgenden Guidelines zeigen, wie sich dieses Prinzip konkret umsetzen lässt.

Guidelines

Nutzungskontext konkret zeigen

Zeige das Produkt nicht isoliert, sondern in konkreten Nutzungssituationen. Videos von Menschen bei der Verwendung, Screenshots realer Workflows, Erfahrungsberichte die den Alltag beschreiben. Ziel ist, die Besitz-Perspektive der Kaufentscheidung durch Nutzungs-Eindrücke zu ergänzen. Statt 'Dieses CRM hat 47 Funktionen' zeige 'So sieht ein typischer Tag mit diesem CRM aus'.

Entscheidungsfragen umformulieren

Formuliere Entscheidungshilfen aus der Nutzungs-Perspektive. Nicht 'Welches Paket möchten Sie kaufen?' sondern 'Welche dieser Funktionen werden Sie regelmäßig verwenden?'. Nicht 'Premium hat mehr Features' sondern 'Für welche dieser Aufgaben brauchen Sie täglich Unterstützung?'. Diese Umformulierung aktiviert mentale Simulation der tatsächlichen Verwendung und reduziert Feature-Overload.

Geführte Testphasen anbieten

Ermögliche Erfahrung vor Kaufentscheidung durch strukturierte Testphasen. Nicht einfach 'kostenlos testen', sondern geführte Onboarding-Sequenzen die reale Anwendungsfälle durchspielen lassen. So erleben potenzielle Kunden das Produkt in der Nutzungs-Perspektive bevor sie in der Besitz-Perspektive entscheiden. Das reduziert die Divergenz zwischen Erwartung und Realität.

Nutzungs-Erwartungen proaktiv managen

Nach dem Kauf explizit die Nutzungsrealität adressieren: 'Sie haben sich für das Premium-Paket entschieden. Erfahrungsgemäß nutzen die meisten Kunden primär diese 5 Funktionen. Möchten Sie damit starten?'. Diese Kommunikation verhindert Überforderung durch zu viele Features und erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Kunden tatsächlichen Wert aus dem Produkt ziehen statt in der Feature-Komplexität zu versinken.

Kahneman et al. (1990). Effekt in mehreren Experimenten mit insgesamt 257 . None