Vertrauen entsteht durch Vertrautheit. Logos, Namen, Melodien – was wir wiederholt sehen, wird uns bekannt. Bekanntes wirkt sicher. Die Frage ist: Führt wiederholte Exposition allein zu positiver Bewertung, auch ohne bewusste Erinnerung – und welche Evidenz ist dazu bekannt?
Studien
Das Vorlesungs-Experiment
Moreland und Beach führten 1992 an der University of Pittsburgh ein faszinierendes Experiment durch: Sie schickten vier Studentinnen in eine Psychologie-Vorlesung – eine erschien 15 Mal, eine 10 Mal, eine 5 Mal, und eine gar nicht. Wohlgemerkt: Keine der vier sprach je mit anderen Studierenden oder fiel besonders auf. Am Semesterende zeigten die Forscher allen 130 Studierenden Fotos der vier Frauen. Die 15-Mal-Studentin wurde als deutlich sympathischer bewertet als die 5-Mal-Studentin – obwohl niemand je mit ihr geredet hatte. Bloße Anwesenheit ohne jede Interaktion reichte aus, um Sympathie zu erzeugen.
Chinesische Schriftzeichen
Robert Zajonc führte 1968 das wegweisende Mere-Exposure-Experiment durch: Er zeigte Studierenden der University of Michigan zwölf chinesische Schriftzeichen – manche nur einmal, andere bis zu 25 Mal. Keiner der Teilnehmer konnte Chinesisch lesen oder schreiben. Dann stellte er die entscheidende Frage: 'Welche Zeichen bedeuten wohl etwas Positives?' Die häufiger gezeigten Zeichen wurden systematisch als positiver eingeschätzt. Bei 25 Wiederholungen war die Bewertung doppelt so positiv wie bei einmaliger Exposition. Niemand kannte die tatsächliche Bedeutung – trotzdem erzeugte Wiederholung allein eine klare Präferenz.
Subliminale Exposition
Kunst-Wilson und Zajonc demonstrierten 1980 die unbewusste Macht der Vertrautheit: Sie zeigten Studierenden zehn unregelmäßige Polygone – jedes für nur 1 Millisekunde, zu kurz für bewusste Wahrnehmung. Danach präsentierten sie Paare aus 'alten' und neuen Formen. Die Teilnehmer konnten nicht sagen, welche sie gesehen hatten – ihre Trefferquote lag bei 50%, reiner Zufall. Trotzdem wählten sie bei der Frage 'Welches gefällt Ihnen besser?' in 60% der Fälle das zuvor gezeigte Polygon. Der Mere-Exposure-Effekt funktioniert also selbst völlig unbewusst und ohne jede Erinnerung.
Zajonc (1968)
Dass bloße Wiederholung ohne jegliche Belohnung oder Bedeutung die Bewertung von 2,8 auf 4,2 steigert (50% Verbesserung), ist mäßig überraschend. Es widerspricht der Intuition, dass wir rationale Gründe für Präferenzen brauchen. Liegt zwischen 'leicht interessant' und 'deutlich kontraintuitiv', da der Effekt substanziell ist, aber nicht dramatisch wie bei Milgram oder Defaults.
Prinzip
Welches Prinzip für Customer Experience Design lässt sich daraus ableiten? Regelmäßiger Kontakt mit einer Marke oder einem Unternehmen erhöht automatisch Sympathie und Vertrauen, selbst wenn die einzelnen Berührungspunkte inhaltlich neutral sind. Dieser Effekt macht sich besonders im Marketing und Customer Experience Design bezahlt, da Kunden unbewusst positive Assoziationen mit häufig gesehenen Marken entwickeln und diese bei Kaufentscheidungen bevorzugen. Allerdings funktioniert das Prinzip nur bei neutralen oder leicht positiven Erfahrungen – negative Kontakte verstärken sich durch Wiederholung ebenso und können das Gegenteil bewirken. Zudem muss die Frequenz angemessen bleiben, da zu häufige Exposition zu Überdruss führen kann. Die folgenden Guidelines zeigen, wie sich dieses Prinzip konkret umsetzen lässt.
Guidelines
Konsistente Markenpräsenz
Wiedererkennbarkeit ist Voraussetzung für Mere Exposure. Logo, Farben, Tonalität müssen über alle Kanäle konsistent sein. Jede Variation ist ein verpasster Exposure-Effekt. Folgende Beispiele verdeutlichen diese Guideline:
- Coca-Cola: Dieselbe rote Farbe, dieselbe Schrift, weltweit, seit Jahrzehnten. Jede Begegnung verstärkt die vorherige.
- Deutsche Bank: Das blaue Quadrat mit dem Schrägstrich ist so konsistent, dass es ohne Schriftzug erkennbar ist. Pure Mere Exposure.
Unerwartete Wertschätzung zeigen
Kunden regelmäßig ohne Verkaufsabsicht kontaktieren – mit unvorhersehbaren Überraschungen statt gleichmäßiger Vorteile. Variable Belohnungen wie zufällige Upgrades, Jubiläums-Geschenke oder spontane Wertschätzung schaffen emotionale Peaks, die im Gedächtnis bleiben. Mindestens quartalsweise wertvollen, nicht-transaktionalen Kontakt halten, der "Ich denke an dich" signalisiert. Folgende Beispiele verdeutlichen diese Guideline:
- Chewy: Handgeschriebene Karten an Kunden, deren Haustier gestorben ist, mit Kondolenz und manchmal einem Gemälde des Tieres. Diese unerwartete Empathie erzeugt tiefe Loyalität.
- Zappos: Gelegentliche Upgrades auf Express-Versand ohne Ankündigung. Der Kunde erwartet Standard – und erhält mehr. Die Überraschung aktiviert Reziprozität.
Anfassen ermöglichen
Physischer Kontakt mit Produkten aktiviert den Endowment-Effekt und erzeugt Besitzgefühl – nutzen Sie Showrooms, Probefahrten oder das simple "In-die-Hand-nehmen". Folgende Beispiele verdeutlichen diese Guideline:
- Apple Stores: Alle Produkte sind anfassbar, eingeschaltet, benutzbar. Nach 10 Minuten mit 'meinem' iPhone in der Hand ist der Kauf wahrscheinlicher.
- Autohäuser: Die Probefahrt ist nicht nur Funktionstest – sie erzeugt Besitzgefühl. 'Mein' Auto für eine Stunde zu fahren macht den Kauf wahrscheinlicher.
Moreland, R. L. & Beach, S. R. (1992). Exposure effects in the classroom: The development of affinity among students. Journal of Experimental Social Psychology, 28(3), 255-276
Zajonc, R. B. (1968). Attitudinal effects of mere exposure. Journal of Personality and Social Psychology, 9(2), 1-27
Bornstein, R. F. (1989). Exposure and affect: Overview and meta-analysis of research, 1968-1987. Psychological Bulletin, 106(2), 265-289