Preise & Wert kommunizieren

Preise und Gehälter werden in Geldeinheiten kommuniziert. Menschen sollten rational auf reale Kaufkraft achten, nicht auf nominale Zahlen – so die ökonomische Theorie. Doch Konsumenten und Arbeitnehmer reagieren stark auf nominale Veränderungen, selbst wenn die reale Kaufkraft konstant bleibt. Die Frage ist: Warum dominieren nominale Werte die Wahrnehmung trotz gleichbleibender Kaufkraft, welche Situationen verstärken diese Illusion – und welche Evidenz ist dazu bekannt?

Studien

Das Gehaltskürzungs-Szenario

Eldar Shafir, Peter Diamond und Amos Tversky führten 1997 an der Princeton University eine Reihe von Experimenten zur Money Illusion durch. In einem Szenario sollten 267 Versuchspersonen zwei Situationen bewerten: Person A bekommt 2% Gehaltserhöhung bei 4% Inflation (real: -2% Kaufkraft). Person B bekommt 2% Gehaltskürzung bei 0% Inflation (real: -2% Kaufkraft). Obwohl beide real identisch sind, bewerteten 71% der Teilnehmer Person A als besser gestellt. In einem zweiten Szenario fragten die Forscher nach Zufriedenheit und Kündigungswahrscheinlichkeit: 62% sagten, Person A wäre zufriedener und deutlich weniger kündigungswillig – trotz identischer Kaufkraft. Das Verblüffende: Selbst wenn explizit auf die reale Kaufkraft hingewiesen wurde, blieb der Effekt bei 56% bestehen.

Das experimentelle Markt-Spiel

Ernst Fehr und Jean-Robert Tyran führten 2001 an der Universität Zürich ein ökonomisches Experiment mit 96 Teilnehmern durch. Sie schufen künstliche Märkte, auf denen die Teilnehmer als Verkäufer Preise setzen mussten. In der ersten Phase etablierte sich ein Gleichgewichtspreis. Dann reduzierten die Forscher die nominale Geldmenge im System um 20% – ökonomisch sollten alle Preise sofort um 20% fallen. Stattdessen dauerte es durchschnittlich 8 Runden, bis sich die Preise anpassten. Die Verkäufer klammerten sich an die alten nominalen Preiszahlen. Noch interessanter: Wenn nur ein Teil der Teilnehmer der Money Illusion unterlag (in einer Variante wurde manchen die reale Situation erklärt), blieben die Preise noch länger starr – weil die 'Rationalen' antizipierten, dass andere irrational handeln würden. Der Effekt war selbstverstärkend.

Prinzip

Welches Prinzip für Customer Experience Design lässt sich daraus ableiten? Das Prinzip der nominalen Wertbetonung besagt, dass Kunden Preise, Ersparnisse und Wertversprechen primär anhand der sichtbaren Zahlen bewerten, nicht anhand ihrer realen Kaufkraft oder relativen Bedeutung. In der Customer Experience sollten daher Wertveränderungen so kommuniziert werden, dass die nominalen Beträge psychologisch vorteilhaft wirken – selbst wenn der reale Nutzen identisch bleibt. Dieses Prinzip funktioniert besonders gut bei Preisgestaltung, Rabatten und Loyalitätsprogrammen, verliert jedoch an Wirkung, wenn Kunden aktiv zum Vergleich mit Referenzwerten animiert werden oder die Inflation sehr präsent ist. Die folgenden Guidelines zeigen, wie sich dieses Prinzip konkret umsetzen lässt.

Guidelines

Preissteigerungen nominal klein halten

Bei unvermeidbaren Preissteigerungen kommuniziere die nominale Erhöhung so klein wie möglich, auch wenn die prozentuale Steigerung identisch ist. Statt '10% mehr' sage '50 Cent mehr pro Tag'. Die absolute nominale Zahl dominiert die Wahrnehmung stärker als Prozentsätze oder reale Kaufkraftvergleiche. Nutze die kleinste sinnvolle Zeiteinheit zur Darstellung.

Wertsteigerungen nominal hervorheben

Bei Leistungsverbesserungen oder Mehrwert betone die nominale Wertsteigerung, nicht nur die prozentuale. '300€ mehr Wert' wirkt stärker als '15% mehr Leistung'. Die absolute Zahl schafft einen konkreten Referenzpunkt im mentalen Konto des Kunden. Nutze die größte sinnvolle nominale Darstellung – Jahreswerte statt Monatswerte, wenn möglich.

Treuevorteile als absolute Ersparnisse zeigen

Kommuniziere Loyalitätsvorteile, Rabatte und Ersparnisse immer auch als absolute nominale Summen, nicht nur als Prozentsätze. 'Sie haben dieses Jahr 487€ gespart' schafft einen stärkeren Effekt als '12% durchschnittlicher Rabatt'. Die konkrete Zahl wird mental verbucht und erzeugt ein Gefühl von realem Gewinn, selbst wenn die Kaufkraft durch andere Faktoren gemindert wurde.

Nominale Preisstabilität bei Verlängerungen betonen

Bei Vertragsverlängerungen oder Abonnements betone die nominale Preisstabilität ('Ihr Preis bleibt unverändert bei 29,90€'), auch wenn die reale Kaufkraft durch Inflation sinkt. Diese nominale Konstanz wird als fairer Deal wahrgenommen und erhöht die Verlängerungsrate. Vermeide Formulierungen wie 'inflationsbereinigt' oder 'real gesehen', die den Fokus auf die sinkende Kaufkraft lenken würden.

Shafir, Diamond und Tversky (1997). Money Illusion. The Quarterly Journal of Economics