Kundenbindung leidet unter Wartezeiten. Kunden empfinden Warten als verlorene Zeit, als Zeichen mangelnder Wertschätzung. Doch die gefühlte Wartezeit stimmt selten mit der tatsächlichen überein. Die Frage ist: Welche Faktoren beeinflussen die subjektive Wahrnehmung von Wartezeit, lässt sie sich gestalten ohne die objektive Zeit zu verkürzen – und welche Evidenz ist dazu bekannt?
Studien
Das Wartezimmer-Experiment
Pruyn und Smidts führten 1998 eine wegweisende Studie in niederländischen Krankenhäusern durch, die unser Verständnis von Wartezeit revolutionierte. Sie befragten über 400 Patienten direkt nach ihrem Arztbesuch zur tatsächlichen und gefühlten Wartezeit. Das verblüffende Ergebnis: Patienten, die 25 Minuten warteten aber nur 15 erwartet hatten, waren unzufriedener als solche, die 40 Minuten warteten aber 45 erwartet hatten. Wohlgemerkt: Die kürzere Wartezeit führte zu größerer Frustration. Die Diskrepanz zwischen Erwartung und Realität bestimmte die Zufriedenheit stärker als die absolute Wartezeit.
Ungewissheit verlängert gefühlte Wartezeit
Hui und Tse ließen 1996 Studenten der Universität Hongkong in einem Labor auf einen simulierten Service warten. Eine Gruppe sah einen digitalen Countdown mit der verbleibenden Wartezeit, die andere wartete ohne jede Information. Der einzige Unterschied: das Wissen um die Restzeit. Beide Gruppen warteten exakt 8 Minuten, doch die uninformierte Gruppe schätzte die Wartezeit 36% länger ein und bewertete das Erlebnis deutlich negativer. Die bloße Ungewissheit ließ dieselbe objektive Wartezeit subjektiv fast eineinhalb Mal länger erscheinen.
Houston Airport: Gehen statt Warten
Ende der 1990er erhielt der Houston Airport massenhaft Beschwerden über endlose Wartezeiten am Gepäckband. Die Flughafenleitung maß nach: durchschnittlich nur 8 Minuten Wartezeit. Statt die Gepäckausgabe zu beschleunigen, wählten sie einen genialen Umweg: Sie verlegten die Ankunftsgates an das entfernte Ende des Terminals. Passagiere gingen nun 6 Minuten zum Gepäckband und warteten nur 2 Minuten. Die Beschwerden sanken um über 90%, obwohl die Gesamtzeit identisch blieb. Menschen empfinden aktive Bewegung als weniger belastend als passives Warten.
Prinzip
Welches Prinzip für Customer Experience Design lässt sich daraus ableiten? Die gefühlte Wartezeit beeinflusst die Zufriedenheit stärker als die objektive Wartezeit – ein fundamentales Prinzip für jede Customer Experience, bei der Kunden warten müssen. Unternehmen sollten daher primär in die Gestaltung der Warteerfahrung investieren, anstatt ausschließlich auf die Verkürzung der tatsächlichen Wartezeit zu fokussieren. Besonders wirksam ist dieses Prinzip in Situationen, wo Wartezeiten unvermeidlich sind und Kunden eine gewisse Erwartungshaltung mitbringen – etwa in Servicezentren, bei Online-Bestellungen oder in Warteschlangen. Allerdings funktioniert die Ablenkungsstrategie nur dann optimal, wenn sie zur Zielgruppe und zum Kontext passt und nicht als störend empfunden wird. Die folgenden Guidelines zeigen, wie sich dieses Prinzip konkret umsetzen lässt.
Guidelines
Wartezeiten proaktiv kommunizieren
Ungewissheit verstärkt Frustration – kommuniziere Wartezeiten proaktiv durch Fortschrittsbalken, geschätzte Zeiten und regelmäßige Updates. Information gibt Nutzern Kontrolle und lässt Zeit subjektiv schneller vergehen. Folgende Beispiele verdeutlichen diese Guideline:
- Domino's Pizza Tracker: Echtzeit-Tracking: 'Ihre Pizza wird zubereitet', 'Ihre Pizza ist im Ofen', 'Ihre Pizza ist unterwegs'. Die Wartezeit fühlt sich produktiv an, weil sichtbar etwas passiert.
- Disney FastPass: Angezeigte Wartezeit wird systematisch überschätzt. '45 Minuten'-Anzeige, aber nach 35 Minuten dran. Positive Überraschung statt Frustration über die Wartezeit.
Wartezeit mit Wert füllen
Leere Wartezeit fühlt sich endlos an – gefüllte Zeit verfliegt. Beginnen Sie den Service sofort: Verteilen Sie Menüs, lassen Sie Formulare ausfüllen oder bieten Sie Unterhaltung, damit die Wartezeit zum wertvollen Teil des Erlebnisses wird. Folgende Beispiele verdeutlichen diese Guideline:
- Apple Store Genius Bar: Während man wartet: Produkte ausprobieren, Workshops besuchen. Die Wartezeit wird zum Shopping-Erlebnis – nicht zur verlorenen Zeit.
- Disney Queues: Warteschlangen als Erlebnis: Interaktive Displays, Vorab-Story, thematisierte Umgebung. Die Warteschlange von 'Smugglers Run' ist selbst eine Attraktion.
Pruyn, A. T. H. & Smidts, A. (1998). Effects of waiting on the satisfaction with the service: Beyond objective time measures. International Journal of Research in Marketing, 15(4), 321-334
Maister, D. (1985). The psychology of waiting lines. In Czepiel, J. A., Solomon, M. R. & Surprenant, C. F. (Eds.), The Service Encounter, Lexington Books
Hui, M. K. & Tse, D. K. (1996). What to tell consumers in waits of different lengths: An integrative model of service evaluation. Journal of Marketing, 60(2), 81-90